Der Name Tawisî Melek

Als PDF lesen

Hayrî Demir, Saarland den 17.02.2010

Im Laufe der Geschichte wurden die Êzîden sicherlich desöfteren gezwungen, Begriffe ihrer Religion umzubenennen, um der Verfolgung zu entgehen. Die Übersetzung des Begriffes „Tawisî Melek“ ist vielfach umstritten und wird von vielen Autoren unterschiedlich übersetzt. Die Wichtigkeit der richtigen Übersetzung ist deshalb so wichtig, weil der Name das Wesen des Tawisî Meleks bestimmt. Für ältere, fromme Êzîden mag es unerheblich sein, wie der Name übersetzt wird, denn sie glauben bedingungslos an Tawisî Melek. Für die jüngere Generation aber, die immer mehr einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt ist, ist die korrekte Übersetzung wichtig. Auch, weil der Name immer mehr in Verbindung mit dem êzîdîschen Reformer Şêxadî (Sheikhadi) gebracht wird, an dem zunehmend zu Unrecht negative Kritik geäußert wird, selbst von êzîdîscher Seite.

Herkunft und Bedeutung

1. Engel-Pfau-These

Im Gegensatz zu „Tawisî“ ist unumstritten, dass „Melek“ Engel bedeutet. „Melek“ findet sich heute in einer Vielzahl von Sprachen, auch Sprachfamilien übergreifend. So finden wir „Melek“ sowohl bei den iranischen Sprachen, als auch bei den semitischen, wie z.B. dem Arabischen.

Fast ausnahmslos wurde und wird in der Literatur, in der die êzîdîsche Religion Gegenstand war bzw. ist, der Name Tawisî Melek mit „Engel-Pfau“ übersetzt. Die Übersetzer stützen sich zumeist auf das Argument, dass Tawisî Melek mit dem Pfau symbolisiert wird. Das mag zunächst einmal schlüssig erscheinen, da die Êzîden den Pfau als Ikone ihrer Religion gebrauchen. Weiterhin wird diese These mit der arabischen Übersetzung für Pfau begründet. In der arabischen Sprache bedeutet „ طاووس ” (Ausgesprochen: Taus, mit langgezogenem u) Pfau und deutet ebenfalls daraufhin, dass „Tawisî“ Pfau bedeutet. Die Frage die sich stellt ist, woher dieser arabische Einfluss stammt, wenn die Êzîden doch zu den iranischen Völkern gezählt werden?

Auch hierfür haben die Engel-Pfau Übersetzer ihre These. Sie führen die arabischen Einflüsse auf den êzîdîschen Reformator und Heiligen Şêxadî (Sheikhadi)zurück, der im 12. Jhr. wirkte. Şêxadî soll, so die Autoren der Engel-Pfau-These, aus arabischem Hause und somit selbst Araber gewesen sein.

Şêxadî reformierte die êzîdîsche Gesellschaft durch seine Neugliederung des gesellschaftlichen Systems der Êzîden und lies die êzîdîsche Mythologie neu aufblühen. Für die êzîdîsche Religion stellt Şêxadî die Inkarnation des Tawisî Meleks dar, da er die êzîdîsche Gesellschaft vor der Ausrottung durch die Muslime rettete. In den Qewls wird daher der Name Şêxadî synonym zu Tawisî Melek gebraucht.

Wenn man also den Autoren der Engel-Pfau-These glaubt, dann bedeutet dies, dass der Name „Tawisî Melek“ erst seit dem 12. Jahrhundert, also seit dem Auftretens Şêxadîs, besteht und von den Êzîden gebraucht wird.

Doch bereits 300 Jahre n. Chr., das heißt ca. 800 Jahre vor Şêxadîs und 300 Jahre vor der arabischen Invasion Mesopotamiens1 , berichteten christliche Reisende, dass in der Stadt Achribos am Euphrat der „Tawisî Melek“ angebeten wird2 . Die Siedlungsgebiete der Êzîden liegen noch heute am Euphrat.

Damit wird die These der Engel-Pfau Übersetzer und der Verfechter der Theorie der arabischen Einflüsse Şêxadîs nivelliert. Auch wird die Tatsache außer Acht gelassen, dass der Pfau ehemals den Sonnengott „Şêşims“ und nicht „Tawisî Melek“ symbolisierte. Der Pfau verkörperte schon in der prä-nahöstlichen Mythologie die Schönheit der Sonne auf Grund seiner Farbenpracht und wurde als heiliges Tier deklariert.

Die Engel-Pfau Übersetzung steht auch in keinem Verhältnis zu den êzîdîschen Lehren. In keinem der heiligen Texte wird Tawisî Melek als Pfau bezeichnet oder darstellend beschrieben.

Die Theorie, dass „Tawisî Melek“ Engel-Pfau bedeutet, ist nach den vorausgegangen Erkenntnissen falsifiziert und somit abzulehnen.

2. „Theos“- These

Andere Autoren beziehen sich bei der Übersetzung von „Tawisî“ auf die griechische Sprache. In der griechischen Sprache bedeutet das Wort „θεός” (theos) Gott3 . Das heißt, dass “Tawisî Melek“ Gottes-Engel bedeuten würde. Diese Übersetzung steht im Einklang mit den êzîdîschen Lehren, da „Tawisî Melek“ den Obersten der sieben Erzengel repräsentiert und auf Grund seiner Gottesloyalität einen besonderen Status genießt. Vor allem wird diese Übersetzung durch die êzîdîschen Gebete bekräftigt, in denen Tawisî Melek eben jene Stellung einnimmt, die die Übersetzung „Gottes-Engel“ emaniert.

Die Frage die sich hier stellt ist dieselbe, wie bei der arabischen Übersetzung: In welchem Verhältnis stehen die Griechen zu den Êzîden?

Dies war zunächst ein Grund dafür, die Übersetzung mit Gottes-Engel ebenfalls abzulehnen. Zwar würde angesichts der Eroberung Mesopotamiens durch die Griechen im Jahre 334 v.Chr. eine zeitlich logische Schlussfolgerung vorliegen, doch keine Begründung, weshalb die Êzîden einen griechischen und keinen anderssprachigen Begriff gebrauchten. Hinzu kommt, dass die Sprache der Griechen und die der Êzîden zwar verwandt sind, jedoch nicht demselben Sprachzweig angehören.

Jedoch fand ich heraus, dass der Ursprung des Begriffes „theos“ nicht bei den Griechen liegt, sondern bei den alten, religiös Verwandten der Êzîden, an die man im ersten Augenblick nicht denken würde. Nicht etwa bei den Persern, wovon man ausgehen würde, sondern bei den hinduistischen Indern.

In der hinduistischen Lehre, genauer in den Veden, steht der Begriff „Dyaus“ für Gott. Weiterhin steht der Begriff „deva“4 in den Veden für „gottdienende Wesen“, was wiederum dem Wesen Tawisî Meleks entspricht. Die Begriffe wurden sicherlich von den Ariern, die zum Teil nach Indien auswanderten, importiert und haben sich so in der hinduistischen Lehre etabliert. Bereits vor der Auswanderung der historischen Arier existierte in Mesopotamien 2.250. v. Chr. der Engelskult bzw. die Vorstellung von geflügelten, gottdienenden Wesen.

Dass die Veden von den Arien stammen, lässt sich auch durch weitere Elemente beweisen, wie z.B. Mitra, dem alten Sonnengott der Arier, der zunächst nur in Mesopotamien angebetet wurde. Auch Mitra5 wird in den Veden erwähnt. Dasselbe gilt für Arîman6 , der Ikone der Arier, den ich auf Grund seiner Attribute mit Tawisî Melek gleichsetze.

„Taus“ selbst war auch der Name einer babylonischen Gottheit Der Name „rechtmäßiger göttlicher Sohn“ (=Taus) ist in den heiligen Schriften der Êziden kein unbekannter Name:

Qewlê silavên Melek Fexredîn:
Hat çarşembuya serê Nîsan ê – Er ist am Mittwoch, in mitten des Aprils gekommen
Hat Temûza îman ê – Er ist zum Glauben des Temûz gekommen
Hat xebera wê dîwan ê – Er ist zum Gespräch des heiligen Rates gekommen

In diesem Gebet ist die Sprache von Melek Fexredîn (Engel Fekhredin od. Mîkayîl), der am Mittwoch, am Tag Tawisî Meleks, erschienen ist und dem heiligen Rat beiwohnt.

Dass die Babylonier mit den Êzîden in enger Verbindung stehen, bekräftigt der Historiker Dr. George Habib. Laut Dr. Habib ist „Tawisî Melek“ kein anderer, als der babylonische Gott „Nabu“7 selbst. Und in der Tat ist die Similarität Nabus und Tawisî Meleks bemerkenswert.

Der Ausdruck „Taus“ für Gott war demnach in Mesopotamien bereits vor den Griechen bekannt und somit auch den Êzîden vertraut.

Vergleicht man also beide Thesen, überwiegt auf einer Vielzahl von Gründen die Zweite. Der These stimme ich auf Grund der Siedlungsgebiete der Êzîden (Mesopotamien), der religiösen Überlieferungen in den Qewls, der religiösen, sprachlichen und kulturellen Verwandtschaft zu. Greift man nach der Schlüssigkeit beider Thesen, so ist nur diese haltbar:

„Tawisî Melek“ bedeutet Engel-Gott oder Gottes-Engel, abgeleitet vom altiranischen „Dyaus“ für Gott und stammend aus dem Ur-Êzîdentum und bedeutet nicht Engel-Pfau.